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Sindelfingen e.V.,
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the hybrid fuels ...

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Daimler M 272 Hybrid
Daimler - M 272 Hybrid

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Das Hybride als dynamisches Prinzip ist ein Gegenwartsphänomen, hervorgegangen aus der Verknüpfung von Komponenten und Einflüssen verschiedener Medien, kultureller Kontexte und Identitätskonzepte. Die Ausstellung umfasst verschiedene hybride Positionen aus Kunst/Architektur/Technologie und setzt sich mit der entstandenen Euphorie, den Bedingungen und den Widersprüchen auseinander.

“The digitisation of Audiovisuality has taken place through a hybridisation of media formats, artistic genres and cultural contexts rather than solely technological. This development has already been in process since the Age of Enlightenment (Louis-Bertrand Castel's Piano Eyes and Friedrich Chladni's Sound Figures) for 250 years.” Dieter Daniels

Jedes Jahr, mit jeder Ausstellung ein Staunen: warum dieses Projekt, zu dieser Zeit und an diesem Ort?

Sindelfingen fordert heraus! Sindelfingen ist ein hybrides Gemeinwesen, das auch städtebaulich immer deutlicher ablesbar, aus im Wesentlichen zwei sehr unterschiedlichen Komponenten besteht, dem weltweit größten Mercedes-Benz Werk für PKW und der vergleichbar unauffälligen Kleinstadt mit protestantisch pietistischen Wurzeln. Im Lebensalltag unter extremer Spannung stehend, auf gegenseitige Unterstützung angewiesen – hat mich diese Konstellation in unserem nunmehr 20jährigen Engagement immer wieder herausgefordert.

Der Titel zu dieser Ausstellung kam mir jedoch nicht in Sindelfingen, sondern Anfang dieses Jahres in Pune/Indien, als ich in der Indian Times las: „the hybrid fuels …“, übersetzt: „Der Hybrid befeuert … / treibt an …“. In Pune, Sommerresidenz der Bollywood-Stars in der Nähe Bombays, weltweit bekannt geworden durch den dort residierenden Bhagwan der Hippiebewegung, baute VW für den ‚indischen Polo’, ein kulturell gesehen hybrides Auto, im ersten kompletten Produktionswerk in Nachbarschaft des herkömmlichen Montagewerks von Mercedes-Benz. Welten treffen aufeinander – als dann noch der in Indien verehrte Bollywood-Star Shah Rukh Khan die Bombenanschläge auf Hotels in Mumbai 2008 mit folgenden Worten ins Gedächtnis rief: „Viele Menschen wurden erschossen, eine tragische Geschichte. Die Attentäter waren Muslime. Aber sofort nach dem Anschlag sagten und schrieben Hindus und Muslime überall im Land: Lass uns jetzt bloß nicht behaupten, dass die Gewalt religiös motiviert war! Es war Terrorismus, und der ist selbst ein religiöses System.“

Tief beeindruckt habe ich spontan Kaiwan Metha, Architekt, Kultur-wissenschaftler und Schriftsteller aus Bombay eingeladen, uns einen Einblick in seine Kultur zu geben, mit einer Installation als auch später in einem Vortrag: "The Million Mumbai Neighbourhood Travels".

Die Automobilindustrie hat das Wort Hybrid zum Schlagwort gemacht – über Monate prangte diesen Sommer ein Großplakat am Potsdamer Platz in Berlin: „Rocking the Hybrid“. Hybrid in diesem technischen Gebrauch ist ein aus unterschiedlichen Arten oder Prozessen zusammengesetztes Ganzes, das den Beigeschmack einer ‚unsauberen’ Vermischung verschiedener Komponenten abgelegt hat, wie noch das Medienfestival Ars Electronica 2005 mit dem Titel: „Hybrid Living in Paradox“ anzeigte. Impuls unserer Ausstellung ist ein sich wandelnder Hybridbegriff, bei dem verschiedene Identitäten/Wesen, ohne ihre Eigenheit aufzugeben, sich gegenseitig unterstützen und neue Energien freisetzen.

Ein konkretes Anschauungsobjekt bietet das Entwicklungsmodell eines Hybridmotors aus dem Hause Daimler, ein Verbrennungsmotor kombiniert mit einem Elektromotor. Die Besonderheit liegt darin, dass die zusammengebrachten Elemente, also Verbrennungsmotor und Elektromotor für sich schon Lösungen darstellen, durch das Zusammenwirken aber neue erwünschte Eigenschaften entstehen können, also z. B. weniger Kraftstoffverbrauch.

Gleich am Eingang im 1. Obergeschoss steht das Objekt der Begierde, skulptural anmutend wie ein großer Schuh, den Oliver Vollrath, Senior Manager in der Entwicklung PKW / Mercedes-Benz Cars Development Daimler AG, uns näher erläuterte. Dr. Walter Möhrmann vom Innovationsmanagement der Entwicklung PKW Motoren Mercedes Benz hat uns engagiert fachlich beraten.

Dem Thema zufolge haben wir Künstler aus unterschiedlichen Kulturen eingeladen, uns mit ihnen getroffen und das Hybridkonzept diskutiert. Sie haben eigens für diese Ausstellung/die Räume dieser Galerie neue Arbeiten entwickelt oder Vorschläge gemacht. Jeder Raum dieser Ausstellung ist also geprägt von der Vorstellung eines Künstlers. Dass, nebenbei bemerkt, die Künstler aus Weltregionen und unterschiedlichen Kulturen kommen, in denen sich auch der Daimler bewegt, ist nicht zufällig. Michael Krebber stand ursprünglich nicht auf der Künstlerliste, er hatte sich seinen Beitrag schon früh überlegt, war dann aber unerreichbar, wieder aufgetaucht in Los Angeles, bis dann wenige Tage vor Ausstellungsbeginn sein Beitrag eintraf.

Einerseits geht es uns um die Auslotung der Darstellungsmittel der Kunst heute, andererseits und ganz besonders auch um die Beziehung der Werke zu der Lebenswirklichkeit der Künstler. Am Eingang jeden Raumes gab es Kärtchen mit kurzen Einführungen (hier, im Katalogblatt gekürzt abgedruckt).

Im Mittelraum, gleich hinter dem Hybridmotor, der Raum des deutschen Altmeisters Thomas Bayrle: Zentral ein laufender aufgeschnittener Porschemotor mit einem eigenwilligen Sound – der satte Klang des Verbrennungsmotors versetzt mit dem  rhythmischen Rattern von Webstühlen und dem Sing-Sang betender Frauen; daneben an der Wand, ein PKW-Reifen, geschnitzt aus Holz, mit den ersten Worten des bekannten Rosenkranzgebetes eingefräst in sein Profil, ein Reifen, der sich wie eine Gebetsmühle zu drehen beginnt, wenn man ihn leicht berührt. Weitere Objekte im Raum verstärken das Verwobensein in Bayrles Arbeit.

Dazu Thomas Bayrle selbst: „Die ‚westliche’ Entsprechung der ‚östlichen’ Meditation war über lange Zeit das Gebet (…) Im Halbdunkel der Kirche sitzen alte Frauen und beten den Rosenkranz (…) Sind sie summender, kollektiver Leib, der – endlos langsam – Kugel für Kugel durch seine Hände bewegt. Sie arbeiten am großen Geweb (…). Im rasenden Lärm einer Fabrikhalle – der Weberei Gutmann in Göppingen – kam das Gemurmel der Frauen im Sing-Sang der Maschinen auf mich zurück. Die Kurbelwellen der Webautomaten sangen bei einer bestimmten Frequenz ‚menschlich’. Wie zwei Kupplungsscheiben gingen die Gesänge aufeinander zu und schlossen sich kurz. So kamen die Stimmen von innen heraus(…)“.

Im Oktogon der Galerie hat Kaiwan Mehta das Archiv zu seinem poetischen Buch: ‚Alice in Bhuleshwar’ ausgebreitet. Erstaunlich ist bereits der Titel seines Buches: Die Anspielung auf eine literarische Gestalt der englischen Literatur: Alice im Wunderland’, als Führer durch die Tore der eigenen Stadt/der eigenen Nation, erstaunlich die Weltoffenheit im Umgang mit der kolonialen Prägung. Wenn in unserer westlichen Tradition seit Beginn des 20. Jahrhunderts das Ornament aus der Architektur verbannt ist, ist es für Metha das Ornament, das ihn besonders reizt, das Ornament der Fassaden, das vom gesellschaftlichen „innen drin“, dem  Leben in den Gebäuden und auf den Straßen erzählt.

Kolonialismus und Postkolonialismus spielen im Umgang mit der Hybridisierung heute eine prägende Rolle. Seit der documenta 11, 2002, unter der Leitung von Okwui Enwezor sind mehr und mehr Künstler früherer Kolonialgebiete ins Rampenlicht getreten, wie Wangeshi Mutu aus Kenia, heute in New York lebend, von der Deutschen Bank zur Künstlerin des Jahres 2010 gewählt, Moshekwa Langa aus Südafrikaner heute in Amsterdam lebend oder Huma Bhabba, Pakistanerin in Poughkeepsie, New York, 2010 auf der Whitney Biennale für amerikanische Kunst vertreten.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke dieser Künstler treten durch ihren erzählerischen Impetus hervor. Benutzt wird zwar die ganze Bandbreite bildnerischer Ausdrucksmittel, doch der Umgang mit ihnen ist weniger in ein konzeptionelles, in historischer Verankerung/Rechtfertigung gewirktes Netz gespannt. Man vergleiche nur die Werke von Moshekwa Langa und dem amerikanischen Künstler der Whitney Biennale 2008, Cheyney Thompson: Beide Arbeiten sind von großer sinnlicher Erlebniskraft, doch nicht vergleichbar.

Hinsichtlich der Auslotung der Darstellungsmittel der Kunst heute - der Deutsche Clemens v. Wedemeyer hat unter dem Eindruck der Filme des frühen 20. Jahrhunderts, die den Mythos des Kinos begründen, wie Fritz Langs ‚Metropolis’, filmisch ein Bauprojekt in London untersucht und eine hybride Installation aus Kunst und Kino geschaffen; Michael E. Smith aus dem kapitalistisch aufgepeitschten Detroit greift nach Alltagsmaterialien und den durchlebten Dingen, die er subtil transformierend zur Sprache bringt, um ein Grundgefühl in seiner Heimatstadt zum Ausdruck zu bringen. Paul Goede entzieht sich lautem Performancespektakel und aktiviert in einer Séance sprechend und singend Farben mental: “Mental Colours“.

Spiele nicht mit dem Feuer, lernt man schon als Kind, doch Ariel Schlesinger kann die Finger nicht davon lassen, wenn er, wie im Tingeley Museum in Basel, Maschinen für die Herstellung von Seifenblasen baut, die dann im Blitzgewitter detonieren. Uns erstaunte er mit dem Gegenpol, einer Kältemaschine, seinem alten Kühlschrank, der nach Einwurf eines Euro Afri-Cola Flaschen ausspuckt! Über Moral zu sprechen erübrigt sich, angesichts seiner Jongleurkunststücke, die technologische Hybris in ihr Gegenteil verkehren.

Hybrid ist, ich zitiere abschließend Saldutti Niccola vom ‚Corriere della Sera’, Italiens überregionaler Tageszeitung: „(…) eine neue Art zu denken (…) Wahr ist, dass es ein Wort ist, das sich perfekt unserer gegenwärtigen Welt anpasst“.
ibk

 
 

Kaiwan Mehta
Kaiwan Mehta

 

Thomas Bayrle
Thomas Bayrle

 

Moshekwa Langa
Moshekwa Langa

 

Ariel Schlesinger
Ariel Schlesinger