19 Nov 2006 - 21 Jan 2007
Kuratorin Curator:
Ingrid Burgbacher-Krupka



 

FAMA FLUXUS   MYTHOS BEUYS   LEGENDE PAIK

 

Karlheinz Stockhausen
Komposition Nr. 12 2/3
- ORIGINALE -
musikalisches Theater 1961. 


Christian Wissel

Zur Ausstellung

Das diesjährige Ausstellungsprojekt  LEGENDE PAIK  ATELIER MARY BAUERMEISTER  fokussiert die frühen Jahre des Koreaners Nam June Paik im Umfeld der Musikszene des elektronischen Studios des WDR in Köln. Hier begann Paik mit der visuellen elektronischen Kunst zu experimentieren. Er wollte seine Musikerfahrungen einer neu gestaltbaren elektronischen Klangwelt in die bildende Kunst einbringen und avancierte zum „Vater der Videokunst“. Als er im letzten Jahr starb, erklärten ihn amerikanische Medien zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts.
Die Ausstellung zeigt u.a. seinen  legendären Videosyntheziser von 1969, sowie seinen ersten  Fernsehfilm ‚Global Goove’ von 1973  mit Schnittprotokollen (Fernsehen als Mittel der Völkerverständigung).

Mary Bauermeister war Paik in lebenslanger Freundschaft verbunden. In ihrem Atelier in Köln (1960 - 1962) hat Paik erste Aufsehen erregende Aktionen gemacht. 


Wolfgang Mittermaier

Zum musikalischen Theater ORIGINALE

1961 wurde von dem damaligen Direktor des Kölner Theaters am Dom, Carlheinz Caspari, an den Komponisten Karlheinz Stockhausen der Auftrag für ein musikalisches Theater herangetragen. Zusammen mit Mary Bauermeister (seiner Partnerin und späteren Frau), die zu der Zeit in ihrem Kölner Atelier Künstlern in der Lintgasse 28 unterschiedlichen Disziplinen Auftrittsmöglichkeiten bot (John Cage, Nam June Paik, David Tudor, Sylvano Bussotti, Mauricio Kagel, Stefan Wewerka u.a.) entwickelte Stockhausen auf der Basis der musikalischen Struktur seiner Komposition KONTAKTE ein theatralisches Zusammenspiel mit den anderen Künsten und mit ‚Originalen’ aus dem Alltag. Leitgedanke war die Idee der Momentform: das musikalische Theater ORIGINALE  erzählt keine Geschichte, weil jeder Moment für sich bestehen kann und gleichzeitig mit allen Momenten verwandt ist.

Dem Komponisten Stockhausen ging es zu jener  Zeit  um eine neue musikalische Zeitgestaltung aufgrund von  ‚Momentformen’. Momentformen, so Stockhausen, sind Formen, „die von dem Schema der dramatischen finalen Form weit entfernt sind; die weder auf die Klimaxe noch auf vorbereitete und somit erwartete mehrere Klimaxe hin zielen und die üblichen Steigerungs-, Überleitungs- und Abklingstadien nicht in einer auf die gesamte Werkdauer bezogenen Entwicklungskurve darstellen; die vielmehr sofort intensiv  sind und – ständig gleich gegenwärtig – das Niveau fortgesetzter ‚Hauptsachen’  bis zum Schluss durchzuhalten suchen (...)“.

Wie Mary Bauermeister heute rückblickend bemerkt, ging es ihr bei der Konzeption von  ORIGINALE um die Ausdrucksfülle und Spontaneität des Lebens, die in Stockhausens ‚absolut’ präzise Kompositionen Einzug halten sollten, diese Spannung zwischen festgefügter Form und Lebenskraft.  

In der Sindelfinger Ausstellung lässt Mary Bauermeister in ihren eigenen bildnerischen Arbeiten und der anschaulichen Inszenierung ihres lebenslangen Briefwechsels mit Paik, mit Partituren, Bilddokumenten etc., ihr Atelier (und damit auch die Aufbruchszeit der frühen 60er) Review passieren. Wir haben uns daher entschlossen, ORIGINALE in dieser Studioatmosphäre neu zu inszenieren, im Zusammenspiel mehrerer Generationen, unter Mitwirkung von Teilnehmern der ersten Stunde – Mary Bauermeister, Hans G Helms; in Zusammenarbeit mit jungen Künstlern, in verschiedenen Medien arbeitend, im Sinne des Gesamtkunstwerkgedankens.

Die Staatliche Hochschule für Musik Trossingen hat unter der Regie der neuen Rektorin Elisabeth Gutjahr Infrastruktur und Einstudierung der musikalischen Struktur von ORIGINALE übernommen. Junge Musiker haben mit Zuspruch von Stockhausenexperten, Bryan Wolf u.a., (die heute die Komposition KONTAKTE im Sinne des ‚Meisters’ weltweit aufführen) das schwierige Stück einstudiert. Die Rolle von Nam June Paik, für den daeinst der Name ‚Aktivist’ geprägt wurde, hat der junge südafrikanische Künstler Robin Rhode übernommen, der sich durch Ausbeutung mit künstlerischen Mitteln gerade weltweit einen Namen macht.

ORIGINALE 1961, auf der musikalischen Zeitstruktur der Komposition KONTAKTE  fußend – Stockhausens wohl liberaler Schaffensperiode – eng verbunden mit Fluxus, ist ein Stück Zeitgeschichte. Wie Jean-Marie Straub in seinem Film ‚Machorka Muff’ (in der Ausstellung) zeigt – nach der Erzählung von Heinrich Bölls ‚Hauptstädtisches Journal’ mit Blick auf die  Remilitarisierung Deutschlands – war die politische Stimmung aufgeheizt. Die zweite Aufführung von ORIGINALE in New York 1964 hat die Fluxusbewegung gespalten. (Für den Fluxuskünstler George Maciunas war ORIGINALE Anlass, den Dialog zwischen der europäischen und amerikanischen Kultur zu politisieren und damit zu verschärfen. Paik hingegen erblickte in ORIGINALE die Vision einer Integration). 

ORIGINALE heute? Erste Begegnungen lassen vermuten, dass das musikalische Theater mit seiner Spannkraft und momentanen Spielfreude junge Künstler in einen anregenden Dialog führt, musikalisch, künstlerisch, zeitgeschichtlich.

ibk

Legende Paik

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Bryan J. Wolf

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